kleine Knollenkunde

kleine knollenkunde wintergemüse leicht erklaert © Vivi D'Angelo foodfotografie münchenWinterzeit ist Wurzelzeit.
Das merke ich in letzter Zeit vor allem auf den Ständen des Farmer’s Markets bei uns um die Ecke. Ja, denn ihr müsst wissen, dass es in Trudering auch einen von diesen hippen „organic farmer’s markets“ gibt, und zwar schon laaaaaaaaang bevor der Trendbegriff aus USA begann, von links und rechts in unsere Timelines hineinzuschwappen. Mit dem Unterschied, dass ihn die hiesigen Locals schlichtweg „Truderinger Bauernmarkt“ nennen. Was natürlich 1000 mal weniger kosmopolitischen Charme mit sich bringt.

Anyway, auf meinen herzallerliebsten Freitagsmarkt spaziere ich auch im Winter regelmäßig, um mir gutes Brot und ungespritzte Äpfel zu holen – und besichtige dabei, während ich in der Schlange stehe, eine ganze Landschaft voll Wintergemüse. Krumme Wurzeln und knubblige Knollen mit Äuglein, Falten und runzeligen Tentakelchen, die sie in die Höhe räkeln, als würden sie sagen wollen: heb‘ mich hier raus, nimm‘ mich mit! Dinge, die ich zum Teil noch nie zuvor gesehen hatte – geschweige denn, irgendwann mal gegessen.

Wieso eigentlich?

Als ich also letzten Freitag an der Reihe war und schon dabei, nach Bauernmarktritual jede Apfelsorte Schnitz um Schnitz durchzuprobieren, platzte es einfach aus mir raus: „Ich hätte auch gerne ein bisschen Gemüse, aber leider weiß ich nicht, wie die alle heißen“. Der liebenswerteste Gemüsemann der Welt muss das gewesen sein (in kosmischem Zusammenspiel mit wirklich geduldigen Menschen in der Schlange nach mir), denn er freute sich riesig darüber, mir jede Sorte einzeln zu erklären, die Namen aufzuschreiben und zu erläutern, wozu man das denn alles benutze. „Na dann, zwei Stück von jeder Sorte bitte. Ich glaube, ich werde einfach alles in den Backofen hauen und erstmal schauen, wie die alle schmecken“.

Er zuckte mit den Achseln und sagte einfach, „Naja, versuchen kann man’s ja.“ Noch etwas von wegen schwarzen Rettich isst man eigentlich roh, das fügte er noch hinzu, und viel Spaß beim Experiment, und schon wanderten sie alle in meine Tragetasche: Pastinake, Schwarzer Rettich, Schwarzwurzel und Petersilienwurzel, rote Beete und Winterkohlrabi. Schwupps.

kleine knollenkunde - die knollen und ihre namen _ hell © Vivi D'Angelo foodfotografie münchen

Der Plan tanzte schon in Druckbuchstaben in meinem Kopf herum, als ich zuhause alles in der Küche auspackte. Ich werde sie alle kochen, probieren wie sie schmecken und dann wird sich ja schon herausstellen, was ich mag und was nicht. Google kann’s mir bestimmt nicht besser erklären, dachte ich.

Das tat ich auch.

Ich wusch und putzte jedes Gemüse und schälte es sorgfältig. Nach Anleitung des Gemüsemanns schälte ich die erdige Schwarzwurzel unter fließendem Wasser, vergaß allerdings die Handschuhe bei der roten Beete und freute mich ein paar Stündchen lang über rote Finger.

kleine knollenkunde - die knollen waschen putzen und schälen _ hell © Vivi D'Angelo foodfotografie münchenMit nur ein bisschen Olivenöl und Meersalz angemacht ging es für meine knubbeligen neuen Freunde in den Backofen.
kleine knollenkunde die knollen mit oel und salz anmachen _ hell © Vivi D'Angelo foodfotografie münchen180° und etwa 20 Minuten später kamen sie wieder heraus. kleine knollenkunde die knollen im backofen backen _ hell © Vivi D'Angelo foodfotografie münchenDann der Test.

Ich hatte das Gemüse ja gewollt so ungewürzt und unverändert wie möglich gelassen, um seinen tatsächlichen Geschmack wahrnehmen zu können. Gemüseverkostung in seiner Essenz, quasi.

Hier also meine kleine „Geschmacksanalyse“:

1. die Pastinake – ein Gemüse, dass nun wirklich nicht hübsch dreinschaut mit seinen schrunzeligen Fangärmchen. Trotzdem macht der Geschmack dieser Wurzel alle fehlende Ästhetik wieder gut. Die Pastinake schmeckt mild, fast wie eine Kartoffel mit einem ganz leichten, herben Hauch Sellerie. Und doch ist sie viel cremiger und weicher auf der Zunge als die Kartoffel – richtig, richtig fein. Ich bekomme Lust, sie mit etwas Knusprigem zu kombinierem, etwas Nussigem und etwas Süßlich-würzigem. Haselnüsse? Pilze vielleicht, und eine Prise Vanille?

2. der schwarze Rettich – ja, vor dem hatte mich der liebenswerte Gemüsemann gewarnt. Zumindest in gekochter Version. Schwarzer Rettich schmeckt in rohem Zustand ganz ähnlich dem Radieschen, fügt Salaten ein knackiges, würzig-scharfes Etwas hinzu – allerdings tut ihm der Backofenbesuch garnicht gut! Zwar schmeckt er gekocht immernoch bitzelig-scharf, wird aber gleichzeitig unangenehm bitter und hat sogar ein leicht schwefelartiges Aroma. Not so nice, really. Aber versuchen kann man’s ja. Dem Gemüsemann glaube ich das nächste Mal lieber einfach aufs Wort.

kleine knollenkunde der schwarze rettich schmeckt gekocht nicht gut © Vivi D'Angelo foodfotografie münchen3. die Schwarzwurzel, auch Winterspargel genannt, übertrifft meine Erwartungen um Einiges. Dass ein solch schrunzliges, mit Erde vollgedrecktes Gemüsestück nach dem Kochen so zart auf der Zunge zergeht, hätte ich nie gedacht. Die Schwarzwurzel hat ein ganz leicht knackiges Äußeres, dem ein cremiges Innenleben folgt. Der Geschmack ist nussig und zart, dem eigentlichen Spargel tatsächlich ganz ähnlich. Ob er auch mit einem Spiegelei und in Butter geschwenkt so gut schmeckt?

4. die Petersilienwurzel macht mich unschlüssig. Schmecken tut sie schon – trifft aber wohl meinen Geschmack nicht so sehr. Sie erinnert stark an Sellerie, bleibt auch nach der zwanzigminütigen Kochzeit knackig und fast hart, ist sogar etwas trocken. Ich schaue auf meinem Spickzettel nach und finde heraus, was nicht stimmt: man benutzt die Wurzel vor allem in Suppen und Eintöpfen, wo sie länger köchelt und keine Flüssigkeit verliert.

kleine knollenkunde die gekochte pastinake © Vivi D'Angelo foodfotografie münchen5. die rote Beete bleibt auch nach dem Kurztrip im Backofen knusprig, frisch, saftig, einfach lecker! Ihren erdigen, herben Geschmack hat sie beibehalten, doch ist dieser durch das klitzekleine bisschen Salzblüte und Olivenöl noch potenziert. Rote Beete, dich nehme ich definitiv nochmal mit heim. Allerdings nie, nie wieder in der pasteurisierten Schrumpel-Vakuumpackung. Da ist gar kein Vergleich!

kleine knollenkunde die rote beete gekocht © Vivi D'Angelo foodfotografie münchen

6. der Winterkohlrabi ähnelt seinem grünen Cousin wirklich sehr – vielleicht mit einer Note mehr Kohl und etwas weniger frisch. Er ist zum Schluss angenehm bitter und bleibt auch gekocht fest, knackig und saftig.

Das Fazit: Wurzeln (und Knollen) sind gut! Die meisten meiner Testkinder haben ja in der Tat ziemlich gut abgeschnitten, einige Kombi-Ideen zum Ausprobieren schwirren im Kopf umher und die neuentdeckten Lieblinge kommen definitiv nochmal auf den Tisch. Also, Rechner aus, Jacke an, nix wie los auf den Bauernmarkt. Mal schauen, was mich bei der heutigen Gemüsejagd erwartet.

veggiehunt animation vivi d'angelo foodphotography munich

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13 Gedanken zu “kleine Knollenkunde

  1. Schöne Geschichte, liebe Vivi. Und sehr mutig 🙂
    Ich mag das ja auch sehr – einfach Gemüse auf ein Blech, ein bisschen Öl drauf tupfen und fertig. Lecker. Zur Rote Beete kann ich dir empfehlen: lass sie mal abkühlen, schneide sie in dünne Streifen und mache eine Vinaigrette (am liebsten mit Knofi) – ein Traum.
    Auf jeden Fall richtig toll, deine Foto-Lovestory mit Gemüse 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Anke, wie schön dass du vorbeischaust! Ich muss sagen, ich war kurz davor, den Mut zu verlieren (das war, als der Freund in die Küche kam mit der Frage, ob das auch wirklich alles essbare Dinge sind) – aber ja, es hat sich gelohnt!
      Die Beete finde ich auch in kaltem Zustand nochmal eine Runde besser. Und mit Knoblauchvinaigrette – hmmmmm, das wird sehr bald getestet!
      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

    1. Uuuuh, das mit dem süßen Senf klingt ja super! Und den habe ich auch immer, immer da. Danke für den Tipp – sobald die nächste rote Beete ins Haus kommt, weiß ich schon, was mit der passiert 😉
      Liebe Grüße und hoch die Wurzeln!
      Vivi

      Gefällt 1 Person

  2. Sehr schöner Selbstversuch, liebe Vivi! Ich muss zugeben, dass ich den Knollen auch zu wenig Aufmerksamkeit widme, dabei schmecken sie mir doch ganz gut, wenn sie mal ins Körbchen gesprungen sind. Heute habe ich meinen Knollen-Soll allerdings schon brav erfüllt und Pastinaken gekauft (die tatsächlich wunderbar in Kombination mit Haselnüssen schmecken!). Und bei der Roten Bete geht es mir wie dir – die schrumpel-vakuumierten aus der Packung finde ich ganz widerlich, die frischen jedoch köstlich!
    LG
    Sabrina

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Sabrina, es gibt sooo viele Lebensmittel, an die ich mich noch herantasten will! Und es stimmt, wenn man sich einmal getraut hat, ist das alles halb so wild. Die Pastinaken-Haselnuss-Mischung wird noch ausgiebig ausgetestet und bestimmt werde ich davon berichten. Wie bereitest du sie denn zu, gibt es da ein Lieblingsrezept ?
      Liebe Grüße und einen wunderschönen, faulen Sonntag! Vivi

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  3. Hallo in die Wurzelrunde 🙂

    rote Beete schmecken auch roh, fein geraffelt mit einer Meerettichvinaigrete als Salat sehr köstlich. Der etwas erdige Geschmack ist etwas stärker als bei der gekochten Version. Jedoch als knackig frische Winterkost einfach lecker. Auch gut mit Jogurthsauce und gehacktem frischem Koriander.
    Pastinake eignet sich wunderbar für cremige Suppen (da macht sich die Petersilienwurzel gut als Würze), dazu kleine Brotscheiben in der Pfanne mit Butter und einer Mischung aus Kräutersalz und Zimtpulver (50/ 50) fein bestäubt, kross gebacken…
    Der schwarze Rettich feinst geraffelt mit Frischkäse vermischt, dazu z. B. geröstete Walnüsse oder fein gehackte getrocknete Cranberries… da geht noch mehr aufs frische Bauernbrot.
    Wünsche noch weiterhin viel Spass beim Probieren und guten Appetit!

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  4. Rote Beete Suppe ist auch super und ein Fest fürs Auge..die Farbe ist der Hammer. besonders mit ein paar Tropfen Joghurt… Die Steckrübe würde auch noch gut zu der Sammlung passen.

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  5. Probier mal noch ne Topinambur in Kombi mit Pastinaken oder auch mal die Süßkartoffeln mit Rote Beete…sehr leckeres Wintermampf…meine Hasis bekommen seit kleinauf diese wunderbollen Winterknollen, sie mögen am iebsten Petersilienwurzeln, da gehn die ab wie Harry ;-))
    Schwarzwurzelgemüse mit Karotten, dazu Tofu und Spätzle und schwups, hast du ne leckere vegetarische Speise.

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